Ludwigslust am 16. September 2017

Unsere letzte Spätsommerexkursion führte uns nach Ludwigslust, wo wir insbesondere das nach sorgfältiger Restaurierung durch die Eigentümerfamilie historische Palais Bülow erlebt und den kürzlich sanierten Ostflügel des Schlosses Ludwiglust der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin besichtigten. Der himmlische Abschluss unserer Tagesfahrt war die Besichtigung der monumentalen Stadtkirche.
Bülow-Palais, Foto: Detlev Blohm, 2017
Nach gemütlicher und reibungsloser Zugfahrt trafen wir planmäßig um 09:40 Uhr in Ludwigslust ein. Nach kurzem Gang durch den Ort Richtung Kanalstraße erreichten wir das Palais Bülow. Vor dem herrlichen Portal wurden wir von der heutigen Eigentümerfamilie Iris & Norbert Leithold herzlich empfangen und, in kleine Gruppen aufgeteilt, von den einzelnen Mitgliedern der Familie anschließend durch das Adelspalais geführt.
Herr Leipold erläutert LG Nord die Geschichte des Bülow-Palais, Foto: Detlev Blohm, 2017
In der Halle der reizvollen Residenz wurden die einzelnen Gruppen mit einem Sanddorn-Cocktail, einer Spezialität der Region, in Empfang genommen und über die Geschichte des Hauses grundlegend informiert.  Großherzog Friedrich Franz I. ließ das Gebäude 1830 für seinen Minister und Oberstallmeister Vollrath von Bülow errichten und die Räume kostbar ausstatten. Ab den 1880er Jahren wurde es als Offizierskasino genutzt, nach 1945 als Pionierhaus.

Familie Leithold hat das Palais Bülow 2011 gekauft, ohne zu ahnen, in welch dramatischem Zustand es sich nach langem Leerstand befand. Die Eigentümer zeigten die wiederhergestellten historischen Raumfolgen der Belletage, erzählten schier unglaubliche Geschichten über die illustren Bewohner des Palais im Laufe der Jahrhunderte und über Ihre Sicht des teilweisen aussichtslosen und aufreibenden Rettungskampfs, der die junge Familie fast in den Ruin gestürzt hätte, gerade auch wegen der wohl unkooperativen und eigensinnigen Art der involvierten Behörden, die dieses enorme private Engagement nicht ausreichend wertschätzten. So zumindest die Darstellung der heutigen Hausherren- und damen. Und für uns als „Burgenfreunde“ Deckanstoß genug, welchen Beitrag wir „Zur Erhaltung historischer Wehr- und Wohnbauten“ auch in Zukunft leisten können.  

Die historischen Räume sind Dank sorgfältiger und kenntnisreicher historischer Restaurierung heute wieder in einem gesunden und beeindruckenden Zustand und die einzelnen Räume kostbar und liebevoll ausgestattet. Die Präsentation der vielen Funde auf dem Boden und im Kellergewölbe, vom Einzugsgeschenk anno 1832 bis zum Lieferantenbuch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, rundeten das Bild eindrucksvoll ab.

Ein echtes Highlight war das kleine Konzert der jüngsten Hausdame, der Tochter des Hauses, die gemeinsam mit einer gleichaltrigen Freundin „Streicheleinheiten“ auf Ihren Violinen präsentierten, garniert mit Köstlichkeiten, den hausgemachten Petites Fours. Zum Abschluss konnten sich alle in der palaiseigenen Manufaktur im Herstellen von Pappmaché(-Souvenirs) üben, eine alte Tradition, die Ludwigslust vor 250 Jahren in ganz Europa bekannt gemacht hat, den legendären Werkstoff, welches der Herzog statt teuren Marmors auch im Ludwigsluster Schloss verwendete.
Töchter Leipold musizieren vor LG Nord, Foto: Detlev Blohm, 2017
Im Anschluss an dieses spannende Erlebnis gingen wir in das benachbarte Landhaus Knötel, wo uns die Familie Knötel ein köstliches Mittagessen servierte.
Ludwigslust, Schloss, Foto: Detlev Blohm, 2017
Nach ausgiebiger Pause und kurzem Gang durch die Gemeinde trafen wir nachmittags am Schloss Ludwigslust ein, wo wir durch die ehemalige Residenz geführt wurden. Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin ließ 1772 bis 1776 ein neues Schloss als Mittelpunkt der spätbarocken Stadtanlage von Ludwigslust errichten. Der dreigeschossige Bau entstand an der Wende zweier Stilepochen – dem Übergang von Spätbarock zum Klassizismus. Dieses zeigt sich vor allem bei der Gestaltung des Außenbaus: Die Quaderung und der Wechsel der korinthischen Ordnung am Mittelbau sind Elemente der Barockzeit. Dagegen spiegeln die flächenmäßige Geschlossenheit der Front- und Seitenfassaden und die fast ausnahmslose Wahrung der Horizontalen und Vertikalen den aufkommenden Klassizismus wider.
Ludwigslust, Schloss, Foto: Detlev Blohm, 2017
Die Innenräume wurden bis in die 1790er Jahre fertiggestellt. Das Schloss beherbergt neben den herzoglichen Wohnräumen in der Beletage eine große Anzahl eigenständiger Appartements, Festsäle und Treppenhäuser, vor allem aber den Goldenen Saal und eine Galerie für die umfangreiche Gemäldesammlung.

Im März 2016 konnte nach jahrelanger Sanierung der Ostflügel wiedereröffnet werden. In 18 neu konzipierten Räumen werden herausragende Kunstwerke aller Gattungen an dem Ort präsentiert, mit dem sie durch die beiden Regenten und ihren Gemahlinnen verbunden sind.
Ludwigslust, Stadtkirche, Foto: Detlev Blohm, 2017
Anschließend haben wir auch noch die in gerader Achse dem Schloss gegenüberliegende monumentale Stadtkirche besichtigt. Sie befindet sich rund 500 Meter südlich des Schlosses und ist mit diesem durch eine Abfolge von Hofplätzen verbunden. Beide Gebäude bilden zusammen das größte Barock-Ensemble in Mecklenburg. Noch ehe das Schloss erbaut wurde, ließ der Großherzog diesen prachtvollen Bau, dessen klassizistische Formen mit barockem Einfluss den Betrachter ebenso wie die durch sechs dorische Säulen getragene Vorhalle verwundern, durch den Architekten Johann Joachim Busch als Hofkapelle und spätere Grablege errichten. Doch nicht nur die äußere Ansicht erstaunt den Betrachter, auch das Innere der Kirche weicht von mecklenburgischen Gewohnheiten ab, wie wir in der etwa 1-stündigen Führung erfahren haben. Erwähnt sei hier nur das monumentale Gemälde an der Südwand, das die „Verkündigung der Hirten“ zeigt. Mit seinen imposanten Ausmaßen von mehr als 350 m² Fläche überragt es den gesamten Altarbereich. Das mehrdimensionale Gemälde, das aus etwa 1000 Pappmaché-Vierecken besteht, schuf der Hofmaler Johann Dietrich Findorff. Dahinter verbergen sich, aus Blickrichtung des Kirchensaals nahezu unsichtbar, die Sakristei und die Orgel.
Ludwigslust, Stadtkirche, Foto: Detlev Blohm, 2017
Geradezu beseelt von diesen Eindrücken gingen wir durch den Schlosspark Richtung Bahnhof Ludwigslust, traten erschöpft und glücklich unsere Heimreise an und erreichten planmäßig den Hamburger Hauptbahnhof.


Hinrich Lührs
15. Februar 2018