Tagesausflug : Tag der offenen Tür im Haus der Geschichte – Bonn 29.06.2013

Am Tag der offenen Tür im Haus der Geschichte in Bonn traf sich eine Gruppe von DBV-Mitgliedern, um den Vortrag von Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, bezüglich aktueller Bedeutung verschiedener historischer Gebäude und deren Mitwirkung bei der Auslegung und Erkennung der deutschen Zeitgeschichte anzuhören.
Die lebendige und sehr gut dokumentierte Präsentation gab einen Überblick, wie unterschiedliche Gebäude in ihrer historischen Entwicklung und wichtige Plätze der Geschichtsvermittlung zusammen betrachtet werden sollten.
LG Rheinland im Haus der Geschichte, Foto: Drzisga 2013
Hier wurden repräsentative Objekte, wie die mittelalterliche Marksburg oberhalb der Stadt Braubach am Rhein, als einzige nie zerstörte Höhenburg am Mittelrhein, vorgestellt. Durch die vorbildliche Restaurierung Anfang des 20. Jahrhundert unter dem berühmten Burgenforscher und Gründer der DBV, Prof. Bodo Ebhardt,  behält die Burg ihre mittelalterlicher Gestalt und die bedeutende Rolle einer Festung.
Dann weiter zum Château du Haut-Kœnigsbourg im Elsass, dessen Wiederaufbau ebenfalls vom Berliner Architekten Prof. Bodo Ebhardt im Auftrag des deutschen Kaisers Wilhelm II im Jahr 1899 durchgeführt wurde, eine mittelalterlichen Architektur, so dass sich die Burg immer noch als eine über die Jahrhunderte gewachsene Anlage zur Überwachung der Handelsstraßen zu erkennen gibt .
Ferner wird die Funktionalität historischer Gebäude durch eine Parallele zur zeitgenossischen Architektur in den Vordergrund gebracht.
Die offene und transparente Konstruktion des Bonner Kanzlerbungalows als Zeichen des politischen Selbstverständnisses der jungen Bundesrepublik in den 1960er Jahren gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse westdeutscher Nachkriegsarchitektur .
Der Berliner Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße mit der Dauerausstellung „GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“ zeigt, wie lebendig und vielfältig das Verhältnis der Deutschen untereinander in den vier Jahrzehnten der erzwungenen Teilung blieb. Der Tränenpalast war die bedeutendste Grenzübergangstelle in Berlin und die einzige, die sowohl von Bürgern der DDR, der BRD als auch von Ausländern, Diplomaten und Transitreisenden genutzt wurde .  

Im zweiten Teil des Tagesausfluges wurde der Regierungsbunkers in Bad Neuenahr-Ahrweiler als Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit (AdVB)  besichtigt.
Regierungsbunker in Ahrweiler, Foto Drzisga 2013

Von aussen nur ein grauer, überschaubarer Betonkasten mit verrosteter Außenwand, die als Eingang dient. Dieser erste ernüchternde Eindruck wird schnell von der Professionalität und der Leidenschaft der Besuchsbegleiter geändert.
Es können nur 203 m des Bunkers aus dem insgesamt 17 kilometerlangen Tunnelsysteme besichtigt werden.

Tunnel im Regierungsbunker, Foto: Drzisga 2013
Der Bunker wurde im März 2008 geöffnet und ist seither  ein großer Publikumsmagnet. Das Interesse an der jüngeren deutschen Geschichte mit ihren Besonderheiten  der Wiedervereinigung ist sowohl seitens deutscher Besucher als auch seitens ausländischer Touristen enorm, es sind etwa 8 000 Besucher monatlich.
Zu erwähnen ist, dass von 1930 bis 1939 der ungenutzte Eisenbahntunnel als Champignonzucht genutzt wurde mit dem Ziel, sich vom Import dieser französischen Edelpilze unabhängig machen zu können. Nach dem Zweiten Weltkrieg - in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession - wurde das Interesse der damaligen Deutschen Reichsbahn an einer Fertigstellung dieser Strecke ohne wirtschaftliche Bedeutung gelöscht und der Weiterbau endgültig eingestellt.
Der tatsächliche Regierungsbunker wurde in Jahren 1960 bis 1972 erbaut und galt als eines der am besten gehüteten Staatsgeheimnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Unter dem Decknamen „Rosengarten“ stand der Bunker in der Zeit des Kalten Krieges als Übungsstelle für die Operation WINTEX, die alle zwei Jahre durchgeführt wurde. Hier sollten bis ca. 3000 wichtige Amtsträger aus dem rund 30 Kilometer entfernten Bonn im Angriffsfall in Sicherheit gebracht werden. Für jeden Bewohner lagen Versorgungspakete bereit, etwa mit Fertig-Nudelgerichten, Keksen, Margarine in der Tube oder Brausetabletten. Die von damals komplett eingerichtete Küche ist heute noch zu besichtigen.. Viele der Besucher können sich an einige Gegenstände sehr gut erinnern.
Luftschleuse, Foto: Drzisga 2013Der Bunker zählte 38 Ausgänge, fünf Abschnitte konnten separat mit Strom, Wasser aus Tiefbrunnen und Luft versorgt werden. Hier waren ca. 180 Menschen beschäftigt, jeder hatte ein Dienstfahrrad, Elektrofahrzeuge gab es auch. Die Untergrundstadt beherbergte rund 900 Büros, ebenso viele Schlafräume, außerdem Kantinen, Krankenstationen, fünf Kommandozentralen und zwei gelbe Telefonzellen mit Münzfernsprechern. Die Dekontaminationsräume und die Kleiderkammer sind ebenfalls vorhanden und die verstrahlten Personen konnten mit Säurezusätzen behandelt werden. Sogar Haartrockner hängen  noch an der Wand. Für den Ernstfall lagerten sogar in den Gängen Kerzen und Streichhölzer.
Vom Schweißer bis zum Schlosser waren alle möglichen Handwerker vor Ort - samt einem riesigen Materiallager.  "Jede Schraube war doppelt vorhanden, es musste immer alles auf den Ernstfall vorbereitet sein“.  Auch einen Plenarsaal und ein Fernsehstudio gab es. Damit alles funktionierte, kam einmal die Woche der TÜV - wurde uns berichtet. Die Fernschreibzentrale mit den ca. 170 Fernschreibmaschinen für die Kommunikation mit der Außenwelt zeigt die gute Organisation und die Wichtigkeit dieser Anlage in Vorbereitung für ein weiteres Funktionieren der Regierung bei einem militärischen Angriff.
Das Büro des Bundespräsidenten mit pinkfarbenen Sesseln und gelber Stehlampe waren das einzige Mobiliar, wo man  ein bißchen  Normalität verspürte; sein Badezimmer war eines der wenigen mit Wanne; die Übernachtungsmöglichkeit sehr spartanisch  - mit einem 80 Zentimeter breiten Bundeswehrbett . Mercedes des Bundespräsidenten im Haus der Geschichte, Foto Drzisga 2013
Im Jahr 1997 wurde der Bunker aufgegeben, der Großteil zurückgebaut und nur ein kleiner Teil erhalten. Das gewonnene Material sei wiederverwendet worden, etwa als Untergrund für Sportplätze in Nordrhein-Westfalen.  Der Kalte Krieg wurde sozusagen  recycelt..
Heute ist alles im Originalzustand aufbewahrt. Nichts wurde ersetzt oder nachgemacht. Kein Lichtschalter, keine Tasse wurde neu eingeführt. Seit der Eröffnung des Museums durch den gemeinnützigen Heimatverein Alt-Ahrweiler ist dieser Teil der jungen deutschen Geschichte besonders beeindruckend.
Gruppenbild vor dem Regierungsbunker, Foto: Drzisga 2013Der Ausflug war eine große Bereichung für die Gewichtung vieler bedeutender zeithistorischer Ereignisse aus der Sicht der Bauidentität des Landes.
Vielen Dank an alle der Beteiligten der Landegruppe Rheinland für diesen sehr geschichtsträchtigen Tag!
Dr. Johanna Bos