Tag der Rheinischen Burgen – Burg Linn, Krefeld 09.02.2013

An einem sonnigen, frischen Karnevalsamstag trafen sich die Mitglieder der Rheinland-Gruppe in Burg Linn bei Krefeld, um einen Überblick über die Bauweise und historische Bedeutung  der ersten Wehranlagen in Mittelalter, Vorläufer der Wasserburgen, in dieser Region zu erlangen.
Burg Linn
Zu Beginn fand in der Museumsscheune ein Vortrag von Herrn Dr. Reinhard Friedrich „Die Burgenlandschaft im nördlichen Rheinland. Entwicklung und Überblick, unter besonderer Berücksichtigung der hier typischen Motten“.
Die Mitglieder bekamen zahlreiche Informationen bezüglich  Entstehung, Typologie und  Rolle der Motten im Rheinland über die Jahrhunderte hinweg. Die Bezeichnung „Motte“ kommt aus dem altfranzösischen  - mote – aufgeworfene Anhöhe mit Schloss (Erdhügel). Sie wurden durch Aufschüttung eines kleinen Hügel in sumpfiger Niederung ab dem 11. Jahrhundert in Deutschland vermehrt errichtet.
Je nach Bauweise, Höhe, geographischer Lage und Zweckmäßigkeit der Motten ist aufgrund archäologischer Funde eine genaue wissenschaftliche Klassifizierung möglich. Bemerkenswert sind  in dieser Region die hohe Anzahl von solchen Turmhügelburgen und die dazugehörige umlaufende Vorburg, deren Aufbau und Entwicklung gut erfasst ist.
Eine frühe bildliche Darstellung über den Bau einer Motte findet man auf dem berühmten Teppich von Bayeux (1070/1080), angefertigt anlässlich der erfolgreichen Heerfahrt Wilhelm des Eroberers nach England (1066).
Burg Linn ist exemplarisch eine Motte, die im 11. oder 12. Jahrhundert errichtet worden ist, ein Donjon aus Holz, umgeben vom Palisaden auf einem künstlich errichteten Hügel und umfasst von einem Wassergraben.
Die früheren Besitzer Otto und Gerhard von Linn erweiterten und befestigten im 12. – 13. Jahrhundert nach Vorbild der byzantinischen Festungsbaukunst die Burg weiter, wobei sie als eine der ersten die Backsteintechnik anwendeten.
Im Laufe der Jahrhunderte findet die Burg zahlreiche historische Veränderungen und ist Zeuge kriegerischer Auseinandersetzungen in dieser Region (Dreißigjähriger Krieg 1618-1648, Französische Verwaltung 1794).  
Im 19. Jahrhundert kommen  Burg, der gesamte Park, das Jagdschlösschen und die historische Zehntscheune in den Besitz der Krefelder Familie Isaak de Greiff. Seine Nachfahren werden in der Anlage bis Anfang des 20. Jahrhunderts wohnen und es pflegen. Der Park wurde vom berühmten Gartenarchitekt Maximilian Friedrich Weyhe nach dem englischen Vorbild entworfen.

Prof. Albert Steeger hat 1949 die ersten Fundamente freigelegt, die zu einem romanischen Wohnturm gehörten. Er konnte damit einen wichtigen archäologischen Beweis erbringen, dass der Wohnturm auf einer Motte errichtet worden ist. Die bauliche Entwicklung der Anlage wird in einem Zeitraum von ca. 300 Jahre in unterschiedlichen Überlieferungen ausführlich dokumentiert.

In Begleitung von Herrn Dr. Christoph Reichmann, Leiter des Museums Burg Linn, konnten die Mitglieder einen detaillierten Rundgang durch den Innenhof mit dem restaurierten Bergfried und Ringmauer, durch Burgräume mit Waffenarsenal und Ritterausrüstung, Palais, Rittersaal mit den flämischen Wandteppiche und der Kapelle machen.

Das Jagdschlösschen wurde 1770 in barocker Bauweise errichtet. Die Räumlichkeiten zeigen ein Potpourri von Einrichtungsgegenständen über drei Jahrhunderte hinweg, alles sehr familiär und harmonievoll zusammengestellt (Möbel, Teppiche, Murano-Glas Kronleuchter, bronzefeuervergoldete Kaminuhren). In den Originalgemälden werden verschiedene Mitglieder der Familie und Persönlichkeiten aus der Region dargestellt. Besonders interessant ist die Sammlung verschiedener mechanischer, historische Musikinstrumente von musealer Qualität zu bewundern (Flötenuhr aus dem Schwarzwald um 1805, Walzenspieldosen und Spieldosen mit Blechplatten aus dem 19. Jahrhundert). Eine Besonderheit ist der Gaststättenautomat der Firma Symphonion 1890 .
Das Glockenspiel aus weißem Meissener Porzellan und die Greifvögel an der Fassade waren ebenfalls eine angenehme Erfahrung.
Direkt am Eingang im Erdgeschoß vermittelte die original eingerichtete Schlossküche mit ihrem großen offenen Kamin ebenfalls eine familiäre, geborgene Atmosphäre.
Burg Linn mit Jagdschlösschen
Begleitend zur Burg und dem Jagdschlösschen wurde nach gemeinsamen Lunch das Niederrheinische Landschaftsmuseum weiter besichtigt.

Zahlreiche Ausgrabungen aus der Region, insbesondere aus Krefeld-Gellep, geben wichtige archäologische Hinweise, wie den Aufbau im täglichen Leben, Kulte und Zeremonien, Struktur und Entwicklung der Siedlungen, Handel und kriegerische Auseinandersetzungen über die Jahrhunderte..
Erstaunlich ist, wie verschiedene Funde in besonders gutem Zustand wieder ans Licht gebracht worden sind (Grabausstattung eines fränkischen Fürsten aus dem frühen 6. Jahrhundert).
Bedeutende Funde aus der Römerzeit, Keramikentwicklung über Jahrhunderte, Entdeckung  mittelalterlicher Siedlungen in der Region, Spezialsammlungen zu römischen Gläsern machen Burg Linn  zu einem der bedeutendsten Museum seiner Art im Rheinland.

Unser aufrichtiger Dank gilt  Herrn Dr. Reinhard Friedrich und Herrn Dr. Christoph Reichmann für den besonders interessanten und informativen Ausflugstag zum Thema Rheinischer Burgen.

Ebenfalls bedanken wir uns recht herzlich bei allen Organisatoren und Teilnehmern, die an diesem wunderschönen ersten DBV-Treffen im Jahr 2013 mitgewirkt haben.

19. März 2013 Dr. Johannes Bos