Auf den Spuren Martin Luthers am 17. Juni 2017

Die zweite Exkursion der LG Sachsen-Anhalt zu Burgen, Schlössern und historisch bedeutenden Baudenkmalen in unser Region am 17.06.2017 fand diesmal, wie könnte es auch anders sein, ganz im Zeichen des 500-jährigen Reformationsjubiläums statt. Ziel war Wittenberg, der wichtigste Wirkungsort des Reformators. Traditionell nahmen an dieser Exkursion auch wieder Studenten des Aufbaustudiengangs Denkmalpflege der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg teil. Treffpunkt war der Eingang zum Lutherhaus, dem sogenannten Augusteum, eine von vier UNESCO-Welterbestätten in Wittenberg.

Zunächst war jedoch Warten angesagt, denn die Studentengruppe aus Halle reiste mit der Deutschen Bahn an und die Ankunftszeit des Zuges deckte sich leider nicht ganz mit der vereinbarten Zeit des Treffens. Dies gab den inzwischen versammelten Teilnehmern der LG Sachsen-Anhalt aber Gelegenheit zu aufschlussreichen Beobachtungen. Beinahe im Minutentakt fuhren auf dem kleinen Rondell vor dem Augusteum Reisebusse vor, aus denen Massen von Luther-Touristen strömten. Der kleine Platz wurde innerhalb von wenigen Augenblicken zum Treffpunkt von Menschen zahlreicher Nationen aus nahezu allen Kontinenten dieser Welt. Zielstrebig folgten diese ihren gestrengen Führern und verschwanden alsbald in der großen Tordurchfahrt des Augusteums.

Nach einem kleinen akademischen Viertel waren dann auch die Studenten am Treffpunkt angelangt. Die Vorsitzende der LG Frau Dr. Schloms begrüßte alle Teilnehmer. Danach wurde zunächst der Innenhof des Augusteums besichtigt. Die große Vierflügelanlage stammt in ihren wesentlichen Teilen aus dem 16. Jh. Entstanden ist das Augusteum 1503/04 als Klosteranlage des Augustinermönchsordens, der nach der Gründung der Universität Wittenberg ein Domizil für die hier lehrenden Mönche benötigte. 1507 zog auch Martin Luther ein, der an der Universität promovierte und 1512 die Professur für Bibelerklärung übernahm. Infolge der Reformation, die durch Luthers berühmten Thesenanschlag im Jahr 1517 ausgelöst wurde, verwaiste das Kloster. 1524 schenkte der Kurfürst das Augusteum Martin Luther, der es als Wohnsitz für sich und seine Familie nutzte. Bis zu seinem Tod bewohnte die Familie das Gebäude. Heute birgt der Gebäudekomplex zwei Museen, das Museum Augusteum und das Museum Lutherhaus.
Lutherhaus, Hofansicht, Foto: Hans-Joachim Spindler, 2017
Unser Rundgang setzte sich an der Rückseite des Wohnhauses von Martin Luther auf der Südseite fort, wo wir die Ausgrabungsstätte eines Bauwerks aus dem 16. Jh., einem Teil der Luther'schen Wohnung, besichtigten. Unser Vorstandsmitglied Nadine Holesch, die an den Grabungen beteiligt war, erläuterte uns die für Laien nur schwer identifizierbaren Rudimente eines vermutlich turmartigen Anbaus, der Keller, Wirtschaftsräume und Latrinen enthielt. Die Ausgrabungen erbrachten eine große Ausbeute an Fundstücken, die wertvolle Einblicke in das Alltagsleben im Lutherhaus in der ersten Hälfte des 16. Jh. ergaben.
Lutherhaus, ausgegrabene und konservierte Ruinen eines Anbaus an der Rückseite, Foto: Hans-Joachim Spindler, 2017
Entlang der Elbseite der Altstadt schlenderten wir danach durch die zu Parks umgestalteten ehemaligen nachmittelalterlichen Festungsanlagen, wobei sich Gelegenheit ergab, Reste der mittelalterlichen Stadtmauer zu betrachten. Durch den Hof des Fridericianums, des eigentlichen Hauptgebäudes der "Leucorea", der einstigen Universität Wittenberg ging es zurück in die Collegienstraße. Im Hof des klassizistischen Dreiflügelbaus des Fridericianums klärte uns unser LG-Mitglied Prof. Fischer über die interessanten Hintergründe und näheren Umstände auf, die zur Vereinigung der beiden Universitäten in Wittenberg und Halle Anfang des 19. Jh. geführt hatten.

Entlang der Collegienstraße reihen sich weitere Sehenswürdigkeiten. An den überwiegend neuzeitlichen Gebäuden in dieser Straße verkünden zahlreiche Tafeln, welche bedeutenden Bewohner die früheren historischen Häuser beherbergt haben. Man findet hier neben den Namen berühmter Persönlichkeiten wie dem von Ulrich von Hutten, Johann Wolfgang von Goethe, Werner von Siemens und Gerhard Hauptmann auch von vielen weniger bekannten Zeitgenossen Luthers und von Vertretern aus Kunst und Wissenschaft vom 16. bis ins 20. Jh. Unerwähnt soll auch nicht der berühmte Dr. Faustus bleiben. Bemerkenswert ist das Melanchthonhaus, das weitgehend original erhaltene Wohnhaus des gelehrten Freundes und Mitstreiters Martin Luthers und ebenfalls UNESCO-Welterbestätte. Aus Zeitgründen mussten wir aber auf eine Besichtigung verzichten.

Vorbei am Marktplatz mit dem prächtigen Rathaus und den ehernen Denkmälern von Martin Luther und Philipp Melanchthon ging es nun zu den Cranachhöfen. Über Lucas Cranach den Älteren und seinen gleichnamigen Sohn Lucas Cranach den Jüngeren zu schreiben, würde den Rahmen dieses kleinen Exkursionsberichtes sprengen. Als begnadete Künstler, erfolgreiche Unternehmer, Apotheker und Politiker gehören sie zu den bedeutendsten Zeitzeugen der Reformation. Ihre Werke sind der Stolz zahlreicher Galerien im In- und Ausland. Die Cranachhöfe sind heute hervorragend restauriert und beherbergen ein Hotel, einen Gaststättenkomplex und kulturelle Einrichtungen. Und natürlich gibt es auch noch heute die Cranach-Apotheke.

Durch die Schlossstraße ging es nun zügig zum Schloss. Denn schließlich stehen im Mittelpunkt unserer Exkursionen ja vor allem Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, so sehenswert und wertvoll auch andere Baudenkmäler sein mögen. Das Wittenberger Schloss ist leider nur noch ein recht unansehnlicher Kasten. Es besteht aus zwei Wohnflügeln und der Schlosskirche mit der berühmten Thesentür an der Schlossstraße als dritten Flügel. Die westlichen Außenecken flankieren mächtige Rundtürme, der südliche wuchtig, mit Flachdach und Kanonenscharten, ein echter Wehrturm, der nördliche dagegen, durch Aufstockung schlanker wirkend, zum Kirchturm umfunktioniert. Über dem umlaufenden Spruchband "Eine feste Burg ist unser Gott" thront auf filigranen neogotischen Maßwerkfenstern eine wuchtige Dachkuppel mit hoher Spitze.
Schloss Wittenberg, Nordwestecke im Schlosshof, rechts die Schlosskirche, dahinter der zum Kirchturm umgestaltete Nordwestturm des Schlosses mit filigraner Dachkuppel, Foto: Hans-Joachim Spundler, 2017
Der kolossale Baublock der beiden ehemals mit Ornamentik und großen spätgotischen Vorhangbogenfenstern reich geschmückten Wohnflügel beeindruckt heute nach mehrfachen Zerstörungen und Umbauten nur noch durch seine Größe und die schöne Lage am südwestlichen Ende der Altstadt. Von der ganzen Pracht sind nur noch die zweigeschossigen Loggien vor den Treppenhäusern in den beiden Hofecken des Bauwerks sowie Spuren vermauerter Fensteröffnungen erhalten geblieben. Der jüngste Flügel an der Südseite wurde erst in den letzten Jahren als Gästehaus des Evangelischen Predigerseminars errichtet. Im Hof des Schlosses erhielten wir einen kurzen Überblick zu seiner sehr wechselvollen Geschichte, die tiefe Spuren in seinem Antlitz hinterlassen hat. Urkundlich erstmals erwähnt wurde eine Burg im Jahr 1187. Wahrscheinlich war sie eine Gründung der Askanier, Nachfahren der Grafen von Ballenstedt und bekannter unter ihrem späteren Familiennamen Anhalt. Nach dem Sturz des sächsischen Herzogs Heinrich der Löwe im Jahr 1180 erhielt Bernhard von Brandenburg von Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Herzogtum Sachsen. Im Jahr 1296 erfolgte die Teilung in die beiden Herzogtümer Sachsen-Wittenberg und Sachsen-Lauenburg. Herzog Rudolf von Sachsen-Wittenberg ließ zwischen 1338 und 1340 anstelle der alten Burg einen Neubau errichten, der den Erfordernissen der herzoglichen Hofhaltung besser entsprach. 1356 wurde er durch die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. zu einem der sieben Kurfürsten und zum Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches erhoben, was wahrscheinlich weitere Baumaßnahmen im Schloss zur Folge hatte. Im Jahr 1485 teilten die Brüder Ernst und Albrecht in der Leipziger Teilung ihre Länder. Ernst, als der Ältere, erhielt die Kurwürde, die dazugehörigen Landesteile sowie große Gebiete in Thüringen, Albrecht erhielt die Kernländer der ehemaligen Mark Meißen und weitere Gebiete als Herzogtum Sachsen. 1486 wurde Friedrich III., der Sohn von Ernst, Kurfürst und wählte Wittenberg zu seiner Residenz. Als Friedrich der Weise, Beschützer und großzügiger Förderer Luthers und der Reformation ging er in die Geschichte ein. Bereits 1489 ließ er das Askanierschloss und die Reste der älteren Burg abbrechen und von 1490 bis 1496 nach Plänen von Konrad Pflüger, dem Erbauer des Schlosses Hartenfels in Torgau, einen neuen Residenzbau aufführen. Das Schloss erhielt eine reiche Innenausstattung mit zahlreichen Gemälden und Holzschnitzereien, diente aber auch als südwestlicher Eckpunkt der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung Wittenbergs. Die Schlosskirche wurde 1506 fertig gestellt. Im siebenjährigen Krieg wurde das Schloss bei der Beschießung von Stadt und Festung Wittenberg durch die Preußen schwer beschädigt und brannte samt der Kirche bis auf die Grundmauern ab. Danach notdürftig wieder hergestellt, diente es fortan unterschiedlichen Zwecken als Getreidespeicher, Kaserne, Stadtarchiv, Museum und Jugendherberge. Bis 2017 wurde es umfassend renoviert. Jetzt befinden sich im Schloss u.a. die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek, das Besucherzentrum für die Schlosskirche sowie in modernen Dachaufbauten Räume des Evangelischen Predigerseminars.
Schloss Wittenberg, Südwestecke im Schlosshof, links im Bild der Neubau des Gästehauses des evangelischen Predigerseminars, Foto. Hans-Joachim Spindler, 2017
Vom Schlosshof ging es in die Schlosskirche, die dritte UNESCO-Welterbestätte auf unserem Weg durch Wittenberg. Der langgestreckte, im Wesentlichen neogotische Bau enthält neben Grabdenkmälern der askanischen Kurfürsten und Herzöge von Sachsen auch die der ernestinischen Kurfürsten Friedrich der Weise und Johann der Beständige sowie die von Martin Luther, Philipp Melanchthon und zahlreichen anderen Gelehrten der Wittenberger Universität. Leider konnten wir die Kirche nicht recht besichtigen, zum einen wegen des großen Menschenandrangs, zum anderen, weil sie schon nach kurzem Aufenthalt wegen einer bevorstehenden Konzertprobe geräumt werden musste. Also noch ein kurzer Blick auf die falsche Thesentür mit den in Bronze gegossenen 95 Thesen Luthers, die zum Ausgangspunkt der gewaltigen Umwälzungen der Reformation wurden. Es ist natürlich nicht mehr die Originaltür, die leider bei den vielen Zerstörungen, die die Kirche samt dem Schloss erfahren hat, verbrannt ist.

Nach dem Mittagessen suchten wir mit der Stadtkirche St. Marien die vierte UNESCO-Welterbestätte auf. Hier erwartete uns Herr Bernhard Naumann, begeisterter Luther-Darsteller u.a. beim Volksfest "Luthers Hochzeit"  und Kustos der Kirche. Sein nicht nur durch umfassende Sachkenntnis sondern auch von Witz und Humor geprägter Vortrag zur Baugeschichte der Kirche und zu den zahlreichen Kunstwerken, von denen viele von den beiden Cranachs bzw. aus deren Malerwerkstatt stammen, weckten unsere vom Mittagessen und den schon vorher gesammelten Eindrücken ermüdeten Lebensgeister sehr schnell wieder auf. Die zahlreichen Kunstwerke dieser Kirche zu schildern, dafür reicht der Raum in diesem Bericht nicht aus. Besonders bemerkenswert ist aber vor allem das große, dreiteilige Altarbild von Lucas Cranach dem Älteren und Lucas Cranach dem Jüngeren, der sogenannte "Reformationsaltar". Auf der Mitteltafel ist das letzte Abendmahl dargestellt. Martin Luther findet man im Gewand des "Junker Jörg" unter den Jüngern. Die linke Tafel zeigt das Sakrament der Taufe mit Philipp Melanchthon im Mittelpunkt, die rechte Tafel Johannes Bugenhagen, den ersten evangelischen Stadtpfarrer von Wittenberg. Die Predella zeigt noch einmal Luther bei der Predigt vor seiner Kirchgemeinde und dem gekreuzigten Christus.

Abschließend besuchten wir noch das Asisi-Panorama "Wittenberg 1517". Auf einer riesigen, fast 360° umspannenden Bildwand ist neben einer lebhaften und detailreichen Darstellung des Wittenberger Stadtlebens im 16. Jh. vor allem der Thesenanschlag von 1517 abgebildet. Dieser Besuch bildete den krönenden Abschluss unserer Exkursion auf den Spuren Martin Luthers.

Text und Fotos: Hans-Joachim Spindler